Eine Kolumne über die digitale Selbstoptimierung: Wieso hören wir auf eine App anstatt auf unseren Körper?

Wann sind wir denn endlich mal zufrieden? Einfach zufrieden mit seinem Körper, seinem aktuellen Job und der Leistung, die man gut jeden Tag schafft. Muss es denn immer mehr sein? Muss denn wirklich alles um jeden Preis optimiert werden? Und wenn ja, warum muss ich das über eine App in meinem Handy dokumentieren? Selbstoptimierung ist grundsätzlich wichtig. Von Effizienz bin ich auch ein Fan. Aber irgendwann ist genug.

Be the best version of yourself

Alles für die perfekte Statistik. Um sechs Uhr klingelt der Wecker. 7,5 Stunden geschlafen. Perfekt. Wie war der Schlaf? Das Tracking Armband sagt ich hatte 2 Stundentiefschlaf. Etwas weniger als gestern. Merkwürdig. Denn irgendwie fühle ich mich fitter als die Nacht zuvor. Aber meine App wird schon recht haben.

Erst einmal eine halbe Stunde joggen, denn ich möchte nicht völlig auf der Arbeit ausgepowert sein. Das Fitness-Armband sagt es waren 4,5 Kilometer. Denn jeder Schritt wird protokolliert. Durch das GPS Signal wird meine Strecke sogar aufgezeichnet. Eventuell kann ich den Lauf auf Runtastic hochladen. Aber das war ja nur eine halbe Stunde. Zurück von der morgendlichen Runde durch den Englischen Garten, springe ich unter die Dusche. Schön eine Wechsel-Dusche machen, damit der Kreislauf weiterhin in Schwung bleibt.  Es soll auf gut für das Bindegewebe sein.

Dann noch schnell einen grünen Smoothie aus Blattspinat, einer halben Banane, einem Apfel und als Basis Mandelmilch. Vielleicht noch ein Stückchen Ingwer. Denn das ist aktuell the hottest thing.  Ein Foto mit dem Smartphone geknipst, damit jeder meinen gesunden Lifestyle sieht und in der App für Ernährung eingetragen. Sollten circa 300 Kalorien gewesen sein. Kontrolle muss nämlich sein.  Als Post im Feed ist der Smoothie zu alltäglich. Für die Instagram Story sollte es jedoch ausreichen. #themorgningroutine

Be the real version of yourself

Ganz ehrlich? Mir ist das morgens zu anstrengend. Ich habe glücklicherweise kein Problem damit um 6 Uhr aufzustehen, aber das hat dann den einzigen Grund, dass ich schon um 7 Uhr auf der Arbeit sein möchte. Wenn das nicht der Fall ist, schlafe ich doch lieber bis 7 Uhr und ziehe morgens nicht so ein Programm durch.

Ich muss jedoch gestehen, ich fühle mich manchmal schon schlecht. Denn gefühlt bin ich einer der wenigen Menschen, denen es egal ist, wie viele Schritte sie am Tag gelaufen sind. Ich muss nicht jeden Tag die 10.000 Schritte erreichen. Wenn meine Beine lahm sind, dann mache ich eine Pause oder verlasse an dem Tag nicht mehr das Haus. Und außerdem fahre ich eh viel lieber Fahrrad. Dann fühle ich mich frei. Und mir ist es auch egal wie viel Kalorien mein Essen hat. Wenn ich satt bin, höre ich auf zu Essen.

Wann haben wir aufgehört auf unser Körpergefühl zu hören? Ich brauche keine App, um einzutragen was ich heute gegessen habe. Und noch weniger brauche ich eine App, die mir sagt, wie viel ich wann trinken sollte, um meine Lebensqualität zu verbessern. Selbstoptimierung ist schön und gut. Aber irgendwann reicht es auch.

Ich versuche schon seit einem halben Jahr mehr auf MEINEN Bauch zu hören und dabei geht es mir gut. Egal was mein Smartphone mir dazu sagt. Es ist mir einfach wichtig, immer eine Verbindung zu mir selbst zu haben und morgens zu wissen, wie ich geschlafen habe, ohne auf mein Handy für diese Antwort schauen zu müssen.

Meine Hoffnung ist, dass irgendwann auch die anderen dies merken. Klar, wenn ich ein sportliches Ziel erreichen möchte, ist Training und eine gute Planung wichtig. Aber für die ganz normale Joggingrunde, sollte unser Körper selbst wissen, wie der Lauf war und nicht auf eine Smartwatch dafür schauen müssen.

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